Projekt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Leids tauber und schwerhöriger Kinder an Hamburger Schulen - WAL-GL-HH
In Zusammenarbeit mit dem Gehörlosenverband Hamburg und der Elbschule (Bildungszentrum Hören und Kommunikation) erforscht das Institut für Deutsche Gebärdensprache in einem neuen von der BSFB und der Sozialbehörde geförderten Projekt leidvolle Erfahrungen ehemaliger tauber und schwerhöriger Schüler:innen in Hamburg zwischen ca. 1960 und 1990.
Bildungsstätten für taube und schwerhörige Kinder gibt es in Hamburg seit 1827. Bis ca. 2000 wurden diese Schulen meist getrennt nach Gruppen geführt (Gehörlosenschule bzw. Schwerhörigenschule) und dann nach 2000 zusammengelegt.
Die schulische Praxis war in Deutschland stark vom Oralismus geprägt, einer Methode, bei welcher der Fokus auf Lautsprache und Lippenlesen lag, während die Deutsche Gebärdensprache häufig verboten und allein die informelle Nutzung bereits bestraft wurde, und das bis in die 2000er Jahre hinein. Damit verbunden waren dementsprechend erhebliche körperliche und seelische Traumata, soziale Isolation und Diskriminierung. Im Jahr 2025 entschuldigte sich die Hamburger Bürgerschaft offiziell bei den Betroffenen für die leidvollen Erfahrungen.
Das an der Fakultät GW angesiedelte Projekt WAL-GL-HH, geleitet von Prof. Dr. Liona Paulus und Prof. Dr. Annika Herrmann am IDGS in Kooperation mit dem Hamburger Gehörlosenverband, vertreten durch Alexander von Meyenn und Christian Ebmeyer, und der Elbschule hat zum Ziel, die strukturelle Gewalt und die Langzeitfolgen des oralistischen Systems an tauben und schwerhörigem Schüler:innen in Hamburg zu erfassen und zu dokumentieren. Methodisch werden qualitative Interviews mit Peer-Personen, Literaturrecherchen und Quellenarbeit durchgeführt. Die Erhebung erfolgt unter Einhaltung höchster ethischer datenschutzrechtlicher Standards und mit Rücksicht auf die Wünsche der Betroffenen.
Das Projekt soll das physische und psychische Leid sichtbar machen, das Erlebte nachvollziehbar dokumentieren und die Betroffenen in ihrer Würde stärken. Somit entsteht eine wissenschaftliche Basis zur Aufarbeitung eines dunklen, bisher unsichtbaren Teils der Schulgeschichte Hamburgs.